Brief an einen wütenden Engel

Geliebter wütender Engel,
wir haben Dich, wie Du weißt, sehr in unser Herz geschlossen.

Vor Deiner Expedition sind wir uns ja einig gewesen, Dich immer wieder mal mit kleinen Zeichen auf Deinen Wegen zu erfreuen. Nun, heute ist für uns mal wieder so ein besonderer Tag.

Wir haben ja immer ein schützendes Auge auf Dich und freuen uns, dass Du Dich für so viele bewegende Erfahrungen geöffnet hast.
In letzter Zeit haben wir Dich jedoch öfter suchen müssen, weil Du auf Ebenen hinabgestiegen bist, die nicht so direkt in unserer Zuständigkeit liegen. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an die alten Absprachen.
Wie dem auch sein, Du hast nach Deinem wahren Zuhause gerufen, und wir freuen uns von ganzem Herzen Dich in unsere Arme schließen zu können. Es gibt auch eine kleine Geschichte, die wir mit Dir teilen möchten.

Es war einmal ein Bauer mit seinen Kindern, der lebte auf einem etwas entlegenen Hof. Er war im ganzen Land bekannt für seine Weisheit und tiefe Liebe zu den Menschen. Doch das war nicht immer so. Lass Dir erzählen wie es dazu kam.

Der Bauer war glücklich und zufrieden mit seiner kleinen Familie.
Doch eines Morgens wachte seine wunderschöne Frau, die Mutter ihrer drei Kinder nicht mehr auf.  Da er seine Frau und seine Kinder von ganzem Herzen liebte, kannst Du Dir sicher vorstellen, wie unendlich traurig und wütend der Mann war - auch auf Gott. Er verstand die ganze Welt nicht mehr.

Mit all seiner Wut und in all seiner Verzweiflung kämpfte er trotzig weiter und bestellte seine Felder für die Versorgung seiner kleinen Familie. Nachdem die Ernte aber immer schlechter wurde, hatte er eines Tages einfach nur noch Angst um die Zukunft und das Überleben seiner geliebten Kinder. So ging er eines Morgens bangen Herzens zum Grab seiner Frau. Es war noch sehr früh und seine Kinder schliefen tief und fest.  Der Wind  strich ihm leise durch sein Haar, und er hatte die schönsten Blumen mitgenommen, die er finden konnte.

Ihre Ruhestätte lag im Norden des Anwesens, im Schutze eines großen Berges, den sie über alles liebte. In dieser Stille bat der Bauer seine Frau um Hilfe für ihre gemeinsamen Kinder. In seiner tiefen Verzweiflung wendete er sich dort auch wieder an Gott und bat ihn um ein Zeichen.

In der Nacht darauf träumte er von seiner Frau. Fröhlich ging sie mit ihm auf die Felder - so wie früher - und legte glücklich lachend frische Samen in den Acker.
Sie bat ihn, ihr dabei zu helfen und nichts konnte schöner für ihn sein. Er war tief berührt und auf besondere Weise mit seiner Frau vereint. Bald schon hatten sie die Felder neu bestellt. Sie umarmten sich wie früher, und dann führte seine Frau den Bauer zurück nach Hause.
Dort warteten schon viele Gäste, die mit ihnen sprechen wollten, was sie dann auch gemeinsam taten, so als sei es das Selbstverständlichste von der Welt.

Der Bauer wusste anfangs nicht so recht was tun und hörte einfach nur zu. Seine Frau bat jeden einzelnen in ihre gute Stube und ermunterte ihn bei einer Tasse Tee seine Geschichte zu erzählen.

Viel Kummer und Sorgen, Wut und Zorn, Verzweiflung und Trauer kam dabei heraus. Ein verlorenes Kind, ein kranker Mann, ein böser Streit, eine verlassene, mittellose Frau und vieles andere. Dem Bauer standen dabei oft die Tränen in den Augen. Manchmal gab es auch gute Nachrichten, und sie bekamen fröhliche Geschichten über die Nachbarn zu hören.

Als die erste Frau mit ihrer Geschichte geendet hatte, sagte die Frau des Bauern:
“Wir kennen uns aus mit dunklen Früchten“. Sie streckte der Frau die Hände entgegen und sagte nur: „Legen Sie getrost alles, was Sie mitgebracht haben, jetzt hier hinein und lassen es bei uns“. Die Frau tat wie ihr geheißen und auch der Bauer staunte nicht schlecht, als seine Frau damit zu einer dunklen Kiste ging, die hinter ihnen auf dem Boden stand. Dort legte sie alles sehr achtsam hinein wie einen großen Schatz. Dann nahm sie aus einem Sack von dem restlichen Samen, mit denen sie zuvor gemeinsam die Felder neu bestellt hatten und legte davon etwas in die noch offenen Hände ihres Gastes. Genauso verwundert wie ihr Besuch, hing der Bauer an den Lippen seiner Frau als sie sprach: “Diese neuen Samen sind in Liebe gesegnet und bringen reiche Früchte, wenn Du sie mit all deinen guten Wünschen gepflanzt hast.

So ähnlich ging das die ganze Nacht hindurch und immer, wenn eine fröhliche Geschichte dabei war, bedankte sich seine Frau besonders. Als ob sie einen kostbaren Schatz empfangen hätte, führte seine Frau ihre Hände dann an ihr Herz und ließ sie einen Moment dort ruhen, bevor sie von dem gesegneten Samen nahm, um die Hände des Besuchers neu zu füllen.

Als der Bauer nach einem weiteren Gast seine Frau zu der dunklen Kiste befragen wollte, wie es nur Paare mit Blicken verstehen, sagte sie nur zu ihm: „Später“.
So wartete der Bauer vertrauensvoll an ihrer Seite. Nach einer Weile übernahm er die Rolle seiner Frau wie selbstverständlich.

Als die beiden den letzten Gast verabschiedet hatten, bedeutete seine Frau ihm einen Spaten zu holen und ihr zu folgen. Die dunkle Kiste nahmen sie zwischen sich, jeder an einem seitlichen Griff. Verblüfft bemerkte der Bauer das überraschende Gewicht ihrer ungewöhnlichen Fracht. Sie gingen Richtung Norden auf den großen Berg zu. Seine Frau führte ihn dort zu einem Platz, den er von früher kannte.


Am Ufer eines kleinen Bächleins, das dem Berg entsprang, gruben sie ein Loch in Mutter Erde. Dann leerten sie gemeinsam die Kiste, mit all dem, was ihre Gäste mitgebracht hatten aus. Die Frau lachte, als ihr Mann wie ein Fragezeichen neben ihr stand und schweigsam mit ihr das Loch wieder mit Erde verschloss. Sie sprach noch ein kleines Gebet so wie früher und legte alles in göttliche Hände, mit der Bitte um einen Segen für die Menschen, deren „dunklen Früchte“ hier begraben wurden.
Da endlich nahm sie seine Hände und schaute ihn in tiefer Liebe mit ihren strahlenden Augen an, so dass er einfach nur das Glück spürte mit ihr zu sein. Dann sagte sie zu ihm: „Dunkle Früchte gehören an einen anderen Ort; sie müssen erst ruhen bevor Du etwas damit machen kannst“.  Wenn sie Dir von anderen gebracht werden, nimm sie achtsam entgegen und bringe sie später an einen Ort wie diesen. Wenn Du sie von anderen Menschen nimmst, gib ihnen stets von Deinem guten Samen etwas mit auf den Weg.  Achte darauf, dass Du die „dunklen Früchte“ nicht mit Deinem guten Samen vermischst.

Seit ich fort bin hast Du statt neuem Samen zuviel „dunkle Früchte“ auf die Felder getragen. Es ist Zeit Dich wieder zu erinnern. Da wurde dem Bauern erst klar, dass dies der Platz war, an dem er früher mit seiner Frau all ihre gemeinsamen Sorgen, Ängste, Nöte und unterschiedlichen Meinungen begraben hatte, und wie es danach immer wieder irgendeine gute Lösung gab.

Wie konnte er das nur vergessen?

Noch tief berührt folgte der Bauer überrascht den Blicken seiner Frau, die
mit großen, strahlenden Augen Richtung Süden schaute. Ein Schauer lief durch
seinen ganzen Körper, als er die Ursache ihrer Faszination erblickte.
Seine Felder waren in ein strahlendes Licht gehüllt und es war ihm, als ob tausend Engel dort ein himmlisches Fest feierten, wie er es zuvor noch nie erlebt hatte. Da begriff der Bauer plötzlich erst auf neue Weise die Bedeutung von den Worten seiner Frau: „Dunkle Früchte gehören an einen anderen Ort; sie müssen erst ruhen bevor Du etwas damit machen kannst“.

Als der Bauer sich - selbst noch völlig fasziniert - nach seiner Frau umdrehte, war sie fort und er erwachte aus seinem Traum. Wie von fern hörte er ihre Stimme noch sagen: „Ich liebe Dich“ und „Du musst nicht länger mehr alleine sein“.

Ende

© Bernd Suriel Casel 17.02.2008

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